Die Interpretation der Schöpfungsgeschichte

Zwei Schaubilder veranschaulichen Augustinus Ontologie und seine Interpretation der Schöpfungsgeschichte, wie sie sich aus den Büchern XI-XIII ergeben:

Schaubild a zeigt die hierarchische Ontologie. An ihrer Spitze steht Gott, allmächtig und allein verkörpert er das wahre Sein. Ganz unten steht das Nichts, dass als Nicht-Sein charakterisiert ist. Diesem Nicht-Sein stand einst die formlose Materie als Fast-Nicht-Sein nahe. Aus dieser hat Gott laut Schöpfungsgeschichte die wahrnehmbare Welt geschaffen. Da sie immer noch aus der gleichen Materie besteht, aber nun eben als wahrnehmbare Materie, unterscheidet sie sich minimal vom Fast-Nicht-Sein. Dennoch tendiert sie mehr zum Fast-Nicht-Sein als zum Sein. Als Bindeglied zu allen Teilen steht der Himmel des Himmels. Mit dem Nichts ist er verbunden, weil er einst im Ursprung aus dem Nichts erschaffen wurde. Die Verbindung zur formlosen Materie findet er in dem Ursprung, das beide aus dem Nichts erschaffen wurden. Für den Menschen ist am entscheidensten die Beziehung, die aus der Verbindung zwischen caelum caeli und der wahrnehmbaren Welt in der er lebt entsteht. Die endgültige Verbindung zwischen Mensch und Gott kann nur erfolgen, wenn der Mensch im Himmel des Himmels weilt. Den Eintritt verschafft letztendlich nur die von Augustinus vorgestellte Gnadenlehre im XII. Buch. Der Eintritt in den Himmel des Himmels ist nicht zu verdienen. Es ist die Gnade Gottes, die die Übertretenden aus der Zeit nimmt, in dem er sie in den caelum caeli eintreten lässt, von wo aus sie seine Ewigkeit betrachten können.

Im Schaubild a wird aber eine entscheidende Tatsache nicht berücksichtigt. Die absolute Gegensätzlichkeit von Gott und dem Nichts. Diesem Umstand trägt Schaubild b Rechnung. Zwei Kreise jeweils für Gott und für das Nichts sollen die Verschiedenartigkeit symbolisieren und auch demonstrieren, dass der Mensch nicht Gott ähnlich ist und ihm auch nicht ähnlich werden kann. Gott hat aus dem Nichts den Himmel und die formlose Materie im Ursprung, oder anders am Tag Null, erschaffen. Mit seinen sechs Schöpfungstagen erschuf er auch die Zeit. Laut Genesis in der Abfolge Licht, Himmelsfeste, Himmel und Erde usw.. Das Schaubild soll weiter verdeutlichen, dass im Beginn der Zeitschöpfung keine Seele existierte, die mit ihrer distentio animi Zeit wahrnehmen konnte. Wie kam also die Zeit in die Schöpfungsgeschichte bevor der Mensch existierte? Um diese Frage zu beantworten ist zu verstehen, dass Augustinus die Zeit nur als distentio animi begreift und somit Zeit nicht in der Außenwelt besteht. Die Zeit kommt auf dem Weg in die Genesis, wie Augustinus auch die Zeitmessung in der Erwartung und des Erinnerns angeht, durch das Ablegen von Sinneseindrücken. Dieses Wahrnehmen muss nicht alleine durch optische Wahrnehmung erfolgen, sie kann auch z.b. akustisch erfolgen. In dem Moment wo Gott einem Propheten die Schöpfungsgeschichte offenbarte, genau in dem Moment kam die Zeit in die Genesis. Denn sobald der Mensch versteht, wie lange ein Tag ist, weil er ihn selbst wahrgenommen hat, kann er diese Verräumlichung auf alle Strecken, die er in seinem Erinnern und in seinem Erwarten festlegt, anwenden. Dabei ist es ohne Belang, ob diese Ereignisse nun während seiner Existenz eintreten oder auch lang vor seiner Existenz geschahen.