Die individualisierte Zeit

Weil für Augustinus der Zusammenhang zwischen der Außenwelt und der Zeit nicht über die Außenwelt besteht, sondern über die menschliche Seele, verwendet er kein Instrument aus der Außenwelt zur Zeiterfassung. Augustinus Zeit ist individualisierte Zeit, denn sie besitzt keine objektive Existenz wie Dinge, die im sachlichen Bereich existieren. „Die Zeit kann in der Seele gemessen werden, weil sie in der Seele ist, stellt er fest.“

Und so löst sich das Problem, zu messen was augenscheinlich auf den ersten Blick nicht war, weil die Zukunft als Erwartung und die Vergangenheit als Erinnerung in der Seele sind. Das Vorübergehende wird im Geist gemessen, indem es im Geist einen Sinneseindruck hervorruft, der bleibt, wenn das Vorübergehende vorübergegangen ist. So wird also der Messanfang als Sinneseindruck x abgelegt, und das Messende als y. Hierdurch entsteht die Verräumlichung der Zeit, indem wir aus den Punkten x und y eine Strecke bilden können. Diese Strecke können wir mit Hilfe des Geistes messen. Die Maßeinheit beträgt aber dann nicht Meter sondern eine Zeiteinheit, wie Stunde oder Minute. Analog dazu kann der Geist auch Zeit, die noch in der Zukunft liegt, voraussehen. Im Erwarten und Festlegen eines Messanfangs und – endes, bildet der Geist auch hier zwei Punkte, zwischen denen die Zeit ausgestreckt werden kann.

Hatte Augustinus zu Beginn seiner Überlegungen noch mit dem Problem zu kämpfen, dass die Zeit in der Gegenwart lediglich einen Jetzt-Punkt darstellt, unteilbar und eine „fastige Nichtigkeit“, der keine Ausdehnung besitzen konnte, löst sich nun auch diese Schwierigkeit. Das Jetzt als „Grenze zwischen dem Nicht-mehr und dem Noch-nicht“ zeigt sich in der distentio animi. Diese distentio animi ist die Erstreckung, die der Geist vollziehen kann, indem er in der Erinnerung und in der Erwartung Punkte fixiert, zwischen denen er messen kann.

Da Augustinus mit diesen Überlegungen das Sein der Zeit lediglich in der Seele ansiedelt, bedeutete es als Umkehrschluss, dass außerhalb der Seele keine Zeit existiert. „Nach Augustinus sind die Dinge in ihrer Dauer, Bewegung und Folge zeitlos. Zeit ist kein Vorhandenes an sich und auch kein Vorhandenes an Vorhandenem.“ Er trennt also Bewegung und Veränderung von der Zeit, denn erst  der menschliche Geist erschafft die Zeit. Die Zeiterschaffung des menschlichen Geistes widerspricht nicht Bewegungen „außerhalb der wahrnehmenden Seele, aber nur die Seele vermag diese Bewegung mit der Zeit zu messen.“ Der menschliche Geist erschafft zwar die Zeit, aber für Augustinus bleibt die Zeit weiterhin eine Schöpfung Gottes bleibt.