Das Unvergleichliche

Augustinus Gott ist immer derselbe und seine „Jahre kommen und gehen nicht“. Das berühmte Fragment von Heraklit: „Wir steigen und wir steigen nicht in die selben Fluten“, trifft somit auf Gott nicht zu. Dieser Gedanke bedeutet aber weiter, dass sich nicht nur Gott nicht verändert, sondern der Fluss auch nicht. Nehmen wir den Fluss als die Zeit an und den hineinsteigenden Menschen als Körper in der Zeit, der inneren und äußeren Veränderungen unterworfen und ausgesetzt ist, so können wir nicht analog dazu sagen, Gott steigt in einen stehenden Fluss, was hier bedeuten würde, dass die Zeit stehen bleiben würde. Betrachten wir das stehende Gewässer nun als einen See, müssen wir uns einen See vorstellen, der nicht nur keine Ufer hat, sondern auch keinen Grund und keine Oberfläche. So wird verständlich, dass dieses Substrats-Medium, was hier anstelle der Ewigkeit steht, nicht mehr vergleichbar ist mit einem Fluss. Und Gott steigt nicht in dieses Medium, sondern er ist in allen Teilen dieses Medium zugleich. Und das Medium ist selbst Gott, und Gott ist dieses Medium. Auch wenn das nur ein Ansatz sein kann, sich der Unvergleichbarkeit der Ewigkeit zur Zeit zu nähern, so bleiben für Augustinus Ewigkeit und Zeit nicht vergleichbar.

Auch das Sprechen Gottes ist mit dem menschlichen Sprechen nicht vergleichbar, bedingt durch die Allgegenwart Gottes, die keine Sukzession zulässt. Gottes Sprechen in bezug auf das Schöpfungswort ist keine Folge von Wörtern und Sätzen. Sein Sprechen bedeutet nicht das Nacheinander und das Wechseln von Wörtern. Gott spricht immerwährend und zugleich. Immerwährend im Gegensatz zu ‚zeitlich verändernd’ und ‚zugleich’ im Gegensatz zum ‚nacheinander’. Das Nacheinander der Wörter als Zeichen der Zeit, in dem sich die Wörter bewegen, also vom noch nicht gesprochenem – zum sprechenden – zum gesprochenen Wort ist unvereinbar mit der Ewigkeit, in der keine Sukzession herrscht.

Das stete Gleichbleiben zeichnet die Dinge aus, die an Gottes Ewigkeit teilhaben. Gottes Wissen ist somit auch immer gleichbleibend, denn Gott kann keine neuen Erkenntnisse hinzugewinnen, weil Zunahme eine Veränderung im Geist Gottes bedeuten würde. Aus dieser Erkenntnis erklärt Augustinus, das an Gott gerichtete Gebet sei nicht primär eine Bitte, denn Gott weiß, was er erbittet, sondern das Gebet und der Anruf an Gott stellt ein Sich-Öffnen und ein Sich-Bekennen zu Gott dar.

Das Bekennen zu Gott und die Barmherzigkeit von Seiten Gottes  können den Menschen zur Seligkeit führen. Da diese Seligkeit annähernd gleich zusetzen ist mit der Ewigkeit, bedeutet es für Augustinus, dass der Mensch auf Erden unvollkommen ist. Erst wenn der Mensch aus der Zeit herausgenommen wird und in die Ewigkeit eintritt, wird auch er annähern vollkommen.

Dieser Eintritt des Menschen in die Seligkeit, respektive Ewigkeit schafft aber für den Wesenscharakter der Ewigkeit ein Problem. Nimmt man eine allumfassende Ewigkeit an, in die alle selig werdenden Menschen übertreten, würde diese Ewigkeit eine Zunahme verzeichnen. Eine Zunahme und somit Veränderung ist aber das Zeichen der Unvollkommenheit.

Betrachtet man nun den Übertritt von der Zeit in die Ewigkeit aus der Sicht des übertretenden Menschen, ergäbe sich ein Beginn für die Ewigkeit des Menschen. Für den Menschen hätte es eine Zeit vor dem Übertritt gegeben. Dieses Problem würde sich nur lösen lassen, wenn der Mensch gleichzeitig in der Ewigkeit und in der Zeit existieren würde. Da die Ewigkeit aber das wahre Sein ist, und das Zeitliche zum Nicht-Sein tendiert, da es wandelbar ist, würde der Mensch gleichzeitig im Sein und im Fast-Nicht-Sein existieren. Für Augustinus ist das Ziel und die Bestimmung des gläubigen Christen diese Seligkeit. Aber dieser Übertritt von Einem also der Zeit zum Anderen also die Ewigkeit ist immer ein Wechsel, egal ob nun ein Orts- oder Zeitwechsel. Es gibt immer einen Anfang und ein Ende. Dieser Wechsel von einem zum anderen entspricht aber der Unvollkommenheit, denn Wechsel ist laut Definition Unvollkommenheit. Aber gerade dieses Attribut unvollkommen ist dem Wesen der Ewigkeit fremd.