Caelum caeli, der Ort der Zeitüberlegenheit

Gottes Ewigkeit definiert sich über die Eigenschaften immerwährend und unveränderlich. Wie kann aber der Mensch nach Augustinus in die Ewigkeit eintreten, wenn die Ewigkeit durch dieses Eintreten veränderlich und zeitlich wird.

Das Lebensziel des Menschen ist nach Augustinus, aus seiner Zerrissenheit, die er durch das Ausgesetztsein in dem zeitlichen Fluss erleidet, zu entfliehen und in die unveränderliche Ewigkeit einzutreten. Da dieses aber die Ewigkeit verändern würde, schließt er daraus, dass zwischen der Ewigkeit Gottes und der Zeit des Menschen noch ein Drittes, also „ein Bindeglied zwischen Zeit und Ewigkeit“ existieren muss. Augustinus nennt dieses Dritte den Caelum caeli, den Himmel des Himmels, den Ort der Zeitüberlegenheit.

Dieser von jeglicher Beschaffenheit freie Himmel des Himmels, steht über den Zeiten und ist nicht sichtbar. Er ist nicht mit dem wahrnehmbaren Himmel zu vergleichen. Im Vergleich zum Caelum caeli ist alles nur Erde, was wir sehen. Augustinus klassifiziert damit in Abstufungen die Begriffe Himmel des Himmels, den Himmel, den wir sehen und die Erde, auf der wir gehen.

Der wahrnehmbare Himmel und die wahrnehmbare Erde sind weiter von Gott entfernt als der Himmel des Himmels. Durch die größere Entfernung zu Gott ist auch ein größerer Mangel in ihr, denn die Unvollkommenheit nimmt nach Augustinus mit der wachsenden Entfernung von Gott zu.

Augustinus erkennt, dass der Ursprung zeitlos war. In diesem zeitlosen Ursprung hat Gott aus dem Nichts heraus zwei Dinge erschaffen – den caelum caeli und eine formlose Materie. Diese Schöpfung steht im direkten Gegensatz zu der griechischen Kosmologie, die besagt aus ‚Nichts wird Nichts’. Aber Augustinus war „in seiner Schöpfungstheologie dem in der kirchlichen Tradition bereits weit verbreiteten Glaubenssatz von der Schöpfung aus dem Nichts (…) verpflichtet.“  Das bedeutet nicht nur die Ablehnung der Ewigkeit der Materie, sondern im gleichen Maße das Gott auch Schöpfer von Allem ist.

Aus der formlosen Materie, die nach der Genesis auch Erde genannt wird, sind erst der wahrnehmbare Himmel und die wahrnehmbare Erde geformt worden. Das Material aus dem unser Himmel und unsere Erde entstanden sind, hatte keine Farbe, keine Gestalt, keinen Körper und keinen Geist – es war unsichtbar und ohne Ordnung, weil über ihm Finsternis lag. Diese formlose Materie besaß keine der Erkenntnis zugehörige und auch keine sinnlich wahrnehmbare Form. Augustinus stellt fest, dass das Unsichtbare und das Ordnungslose nicht wahrnehmbar sind. Aber dennoch war diese Erde so beschaffen, dass aus ihr etwas geformt werden konnte.

Da alles was existiert, auch wenn es nicht wahrnehmbar ist, seinen Platz haben muss, ordnet Augustinus diese formlose Materie im Fast-Nichts an zwischen dem Nichts und der Form. Diese formlose Materie hat Gott vor der Erschaffung der Zeit aus dem Nichts erschaffen, sowie er auch den caelium caeli aus dem Nichts erschaffen hat. Bedingt durch die vollständige Formlosigkeit konnte diese Erde keine Veränderungen erfahren, denn Veränderung ist erkennbar im Wechsel der Gestalt und Form. Da hier somit keine Bewegung eintreten kann, kann auch keine Zeit wahrgenommen werden. Während Bewegung durchaus ohne Zeit von statten gehen kann, kann die Zeit aber niemals ohne Bewegung, sei es nun ein Orts-, Form- oder Zeitwechsel voranschreiten. Erst als Gott dieser formlosen Materie zur Gestalt verhalf, konnte sie auch Veränderung erfahren. Die Veränderung wurde erkennbar in der Bewegung von der vorherigen Gestalt, zur gegenwärtigen Gestalt, zur zukünftigen Gestalt. Somit begann mit der Formgestaltung der Materie durch Gott auch die Zeit. Im Gegensatz steht hierzu der Himmel des Himmels. Erschaffen ebenfalls im zeitlosen Ursprung unterliegt er nicht der Zeit, gleichwohl aber der Veränderung. Dieser Himmel ist eine geistige Kreatur, die an der Ewigkeit Gottes teilhat, aber nicht gleichewig mit ihr ist. Sie kann nicht wesensgleich mit Gott sein, da sie nicht aus seinem Wesen erschaffen wurde, sondern aus dem Nichts. Obwohl dieser Himmel Veränderungen unterworfen ist, „erhebt er sich aus dem flüchtigen Wechsel der Zeiten“ in dem er sich vollständig Gottes Ewigkeit zuwendet formuliert Augustinus. Diese geistige Kreatur besinnt sich mit ihrer ganzen Hingabe auf Gott, der ihr stets gegenwärtig ist. Von daher braucht sie keine erwartende Zukunft und keine erinnernde Vergangenheit, denn sie ist durch die Unveränderlichkeit Gottes selbst der Zeit und damit der Veränderung entrissen. In der totalen Hinwendung zu Gott entbehrt sie selbst jeden Mangel.